Vor der Kamera stehen, wenn du es hasst, vor der Kamera zu stehen
- Dein Kind braucht keine perfekten Aufnahmen. Es braucht Aufnahmen von dir.
- Es gibt sanfte, praktische Wege, vor der Kamera zu erscheinen, die nicht erfordern, dass du auf eine bestimmte Weise aussiehst oder dich auf eine bestimmte Weise fuehlst.
- Du bist nicht eitel, weil du damit kaempfst, und du bist nicht egoistisch, wenn du dir Zeit laesst — aber fang bitte an.
Du hast ein Baby bekommen. Dein Koerper hat etwas Aussergewoehnliches geleistet. Und jetzt kannst du deinen eigenen Anblick auf dem Bildschirm nicht ertragen.
Du bist damit nicht allein. Nicht im Geringsten.
Eine grosse Zahl von Eltern — und Untersuchungen sowie Gespraeche in Elternforen zeigen, dass es ueberproportional oft Muetter betrifft — vermeiden es, nach der Geburt vor die Kamera zu treten. Die Gruende sind zutiefst persoenlich und absolut nachvollziehbar. Dein Koerper hat sich veraendert. Du bist auf eine Weise erschoepft, die man dir ansieht. Du traegst das gleiche Shirt zum dritten Mal. Deine Haare wurden nicht gewaschen. Du fuehlst dich noch nicht wie du selbst.
Und deshalb bleibst du hinter der Kamera. Du filmst alles aus deiner Perspektive. Du hast Hunderte Videos von deinem Baby, aber fast keine von deinem Baby mit dir.
Dieser Beitrag ist nicht hier, um dir ein schlechtes Gewissen zu machen. Er bietet dir einen Weg nach vorne an — in deinem eigenen Tempo, zu deinen eigenen Bedingungen.
Warum das wichtiger ist, als du denkst
Dein Kind wird eines Tages dich sehen wollen.
Nicht die Version von dir, die kamerafertig war. Nicht die Version mit perfekten Haaren und einem sauberen Shirt. Es wird die Version sehen wollen, die da war. Die muede Version. Die echte Version. Die, die es um 4 Uhr morgens gehalten und schief gesungen hat, mit dunklen Ringen unter den Augen, und es mit jeder Faser geliebt hat.
“Ich habe meine Mama gefragt, warum es kaum Fotos oder Videos von ihr gibt, als ich klein war. Sie sagte, sie mochte nicht, wie sie nach meiner Geburt aussah. Ich konnte sehen, wie sehr sie es bereute. Mir waere egal gewesen, wie sie aussah. Ich wollte einfach nur sie sehen.”
Das stammt von einem erwachsenen Kind, das zurueckblickt. Und es ist ein Gefuehl, das sich durch Elternforen ueberall zieht. Kinder beurteilen die Aufnahmen nicht so, wie du sie beurteilst. Sie schauen nicht auf dein Gewicht oder deine Haut oder deine Haare. Sie schauen auf dich. Ihren Elternteil. Den Mittelpunkt ihres Universums.
Deine Praesenz in den Aufnahmen ist nicht optional. Sie ist unverzichtbar.
Fang mit deiner Stimme an
Wenn du dich der Kamera noch nicht stellen kannst, fang mit dem an, was dein Kind noch staerker wiedererkennen wird als dein Gesicht: deine Stimme.
Nimm Kommentare auf. Filme dein Baby bei etwas Wunderschoenem und erzaehl, was passiert. “Du bist heute vier Monate alt und hast gerade herausgefunden, wie man seine Zehen greift. Du hoerst einfach nicht mehr damit auf.” Das reicht. Das ist deine Stimme, deine Worte, deine Persoenlichkeit, ueber Aufnahmen deines Kindes gelegt.
Deine Stimme ist fuer dein Baby zutiefst wichtig. Es ist das erste Geraeusch, das es kannte. Es ist der Klang, der es beruhigt. Wenn es deine Stimme in zwanzig Jahren auf einem Video hoert, wird es direkt zurueck zu Geborgenheit und Liebe transportiert.
Manche Eltern beginnen mit Kommentaren und gehen nie darueber hinaus. Das ist voellig in Ordnung. Manche Eltern beginnen mit Kommentaren und stellen fest, dass das Erzaehlen des Lebens ihres Babys sie nach und nach auch damit vertraut macht, selbst gesehen zu werden. Das ist auch in Ordnung.
Es gibt kein falsches Tempo. Es gibt nur den Anfang.
Filme nur deine Haende
Ein Trick, der sich sicher anfuehlt und ueberraschend schoene Aufnahmen ergibt.
Filme deine Haende, die dein Baby halten. Deine Haende beim Windelnwechseln. Deine Haende beim Flaeschchen vorbereiten. Deine Haende, die die Seiten eines Buches umblaettern, waehrend eine kleine Person auf deinem Schoss sitzt. Deine Haende, die einen winzigen Fuss beruehren.
Du bist im Video. Du bist praesent. Du bist erkennbar. Aber du stehst nicht frontal vor der Kamera, und dieser Unterschied ist wichtig, wenn du gerade dein Wohlgefuehl aufbaust.
Einige der bewegendsten Babyaufnahmen, die je gefilmt wurden, sind so entstanden. Die Haende eines Elternteils, die behutsam ein Neugeborenes baden. Die Haende eines Elternteils, die einen Loeffel fuehren. Die Haende eines Elternteils, die ein Baby stuetzen, das zum ersten Mal versucht zu stehen. Diese Videos sind auf eine Art intim, die Aufnahmen mit Blick in die Kamera manchmal nicht haben.
Fang hier an. Deine Haende erzaehlen eine Geschichte.
Filme von hinten
Ein weiterer sanfter Einstieg: Sei im Bild, aber mit dem Ruecken zur Kamera.
Bitte deinen Partner, dich zu filmen, wie du mit dem Baby in der Trage spazieren gehst. Durch einen Park. Am Kuechentisch stehend mit dem Baby auf der Huefte. Im Schaukelstuhl sitzend mit dem schlafenden Baby auf der Brust, von hinten gefilmt.
Du bist im Video. Dein Kind wird dich sehen. Es wird deine Gestalt sehen, deine Haltung, die Art, wie du es haeltst, wie ihr euch gemeinsam durch die Welt bewegt. Aber du musst die Kamera nicht sehen, und die Kamera muss dein Gesicht nicht sehen.
Das ergibt wunderbare Aufnahmen. Die Silhouette eines Elternteils mit einem Kind auf dem Arm ist eines der universell schoensten Bilder, die es gibt. Du darfst darin sein, ohne dich mit den Seiten des Vor-der-Kamera-Seins auseinandersetzen zu muessen, die sich gerade schwierig anfuehlen.
Die Nur-Zehn-Sekunden-Methode
Wenn du bereit bist, dich der Kamera zu stellen, gib dir die kleinstmoegliche Verpflichtung.
Zehn Sekunden. Das ist alles.
Stell dein Handy auf oder bitte jemanden, es zu halten. Halte dein Baby. Schau in die Kamera oder schau das Baby an. Lass es zehn Sekunden aufnehmen. Fertig.
Zehn Sekunden sind nichts. Ein tiefer Atemzug. Ein einzelner Moment. Es ist vorbei, bevor das Selbstbewusstsein Zeit hat, sich aufzubauen.
Aber zehn Sekunden sind auch alles. Es sind zehn Sekunden von dir mit deinem Kind. Es ist der Beweis, dass du da warst. Es ist ein Clip, der eines Tages jemandem die Welt bedeuten wird.
Mach heute zehn Sekunden. Mach naechste Woche zehn Sekunden. Nach und nach, ohne Druck, wirst du feststellen, dass zehn Sekunden aufhoeren, sich wie eine Ueberwindung anzufuehlen, und anfangen, einfach nur ein weiterer Teil des Dokumentierens deines Lebens zu sein.
Manche Eltern, die mit zehn Sekunden angefangen haben, filmen heute minutenlang, ohne darueber nachzudenken. Manche Eltern bleiben bei zehn Sekunden, und das ist mehr als genug. Beides ist voellig in Ordnung.
Benutze einen Filter, wenn du ihn brauchst
Dieser Rat mag umstritten sein, aber hier ist er: Wenn ein Filter dich dazu bringt, vor die Kamera zu treten, dann benutze einen Filter.
Ein sanfter Hautglaettungsfilter. Ein warmer Ton, der das Licht weicher macht. Was auch immer dich dazu bringt, auf die Vorschau zu schauen und zu denken “das schaffe ich”, anstatt sofort die Kamera auszumachen.
Das Ziel ist nicht, ein falsches Bild zu erzeugen. Das Ziel ist, die Huerden gerade so weit zu senken, dass du tatsaechlich auf Aufnahme drueckst. Und fuer viele Eltern, besonders in den ersten Monaten nach der Geburt, ist ein Filter der Unterschied zwischen im-Material-sein und nicht-im-Material-sein.
Was dann meistens passiert: Du faengst mit einem Filter an. Du benutzt ihn eine Weile. Du wirst wohler vor der Kamera. Langsam merkst du, dass du den Filter weniger benutzt. Und dann filmst du eines Tages ohne Filter und schaust es dir an und denkst “das bin ich, und das ist okay.”
Aber selbst wenn dieser Tag nie kommt — gefiltertes Material von dir ist unendlich wertvoller als gar kein Material von dir.
Aendere, was die Kamera sieht
Du schaust dich selbst auf der Kamera an und siehst jeden Makel. Aber das sieht sonst niemand.
Dein Partner sieht die Person, die er liebt, mit ihrem Kind auf dem Arm. Dein Baby sieht seine ganze Welt. Deine Eltern sehen ihr eigenes Kind, das gerade Elternteil wird. Fremde sehen jemanden mitten im anspruchsvollsten und schoensten Kapitel seines Lebens.
Niemand schaut auf das, worauf du schaust. Du zoomst auf die Dinge, die du gelernt hast, an dir selbst zu kritisieren. Alle anderen sehen das Gesamtbild, und das Gesamtbild ist ein Elternteil, das da ist.
Dieses Umdenken passiert nicht ueber Nacht. Es ist eine Uebung. Jedes Mal, wenn du dich zurueckschaust und die kritische Stimme anfaengt, versuch eine Frage zu stellen: Wenn mein Kind das in zwanzig Jahren ansieht, was wuerde es sehen?
Es wuerde dich sehen. Und das waere genug.
Fuer den Partner: So kannst du helfen
Wenn du das hier liest und es dein Partner ist, der die Kamera meidet, dann hier ein paar Tipps.
Filme sie, ohne ein grosses Ding daraus zu machen. Sag nicht “lass mich ein Video von dir machen.” Nimm einfach das Handy und halte einen Moment fest — beim Fuettern, beim Vorlesen, wenn die beiden zusammen auf dem Sofa eingeschlafen sind. Mach es normal, nicht besonders.
Kommentiere nie, wie sie in den Aufnahmen aussehen. Sag nicht “du siehst toll aus”, denn sie werden es dir nicht glauben, und es lenkt die Aufmerksamkeit aufs Aussehen. Sag nicht “du siehst muede aus”, denn natuerlich tun sie das. Filme sie einfach und speichere es. Sie werden spaeter dankbar sein.
Teile die Aufnahmen nur, wenn und wann sie sich damit wohlfuehlen. Manche Eltern haben kein Problem mit spontanen Aufnahmen, die geteilt werden. Andere schon. Frag nach. Respektiere die Antwort. Die Aufnahmen existieren fuer eure Familie, nicht fuer ein Publikum.
Eine sanfte Herausforderung
Wenn du die Kamera bisher vermieden hast, versuche diese Woche Folgendes.
Ein Video. Beliebige Laenge. Beliebiges Format. Kommentar, nur Haende, von hinten, zehn Sekunden mit Blick in die Kamera, mit Filter, ohne Filter. Was auch immer sich machbar anfuehlt.
Filme diese Woche ein Video, in dem du in irgendeiner Form praesent bist.
Speichere es. Du musst es nicht teilen. Du musst es dir heute nicht anschauen. Du musst es nur machen.
Denn in zwanzig Jahren wird dein Kind dich in den Aufnahmen suchen. Und jeder einzelne Clip, in dem es dich findet — zerzauste Haare, muede Augen, ungewaschenes Shirt und alles — wird ein Clip sein, den es hueten wird wie einen Schatz.
Du musst nicht bereit sein. Du musst nicht perfekt sein. Du musst nur da sein.
Du bist nicht die Kameraperson im Leben deines Babys. Du bist eine Hauptfigur darin. Dein Kind wird sich nicht alte Aufnahmen anschauen und an dein Gewicht, deine Haut, dein unaufgeraeumtes Zuhause oder deine ungewaschenen Haare denken. Es wird nach deinem Gesicht suchen, deinem Laecheln, der Art, wie du es gehalten hast, dem Klang deiner Stimme. Vor der Kamera zu stehen, wenn du dich nicht kamerafertig fuehlst, ist eine der mutigsten und grosszuegigsten Dinge, die du fuer dein zukuenftiges Kind tun kannst. Fang klein an. Fang mit Angst an. Fang einfach an. Du bist die Aufnahme, die sie am meisten wollen werden.
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Geschrieben fuer babiesvlog.com.
